Zwölf Jahre liegen zwischen dem Vorgänger auf dem Nintendo 3DS und dem neuen Tomodachi Life: Wo Träume wahr werden für Nintendo Switch. Das ist eine überraschend lange Wartezeit für ein Spiel, das sich über die Jahre eine große Fangemeinde aufbauen konnte. Der Nachfolger verspricht mit deutlich mehr Anpassungsmöglichkeiten immerhin ein richtig umfangreiches Insel-Simulator-Spiel zu sein. Nach meiner ersten Woche mit Tomodachi Life: Wo Träume wahr werden habe ich jedoch das Gefühl, dass das Spiel ein paar ebenso große Schwächen mitbringt, die einigen Spielerinnen und Spielern den Spielspaß sogar spürbar nehmen können. Bastian Budde
ACHTUNG: Jegliche Aussagen in diesem Review reflektieren lediglich die persönliche Meinung des Autors und nicht (!) die von PattoTV und seiner Partner.
Über Miis und Tomodachi Life
Um Tomodachi Life: Wo Träume wahr werden wirklich zu verstehen, sollten wir zunächst klären, was Miis überhaupt sind. Die Miis debütierten auf der Nintendo Wii und sind seitdem fester Bestandteil jeder Nintendo-Konsole. Es handelt sich um 3D-Avatare, die man in einem Character-Creator selbst erstellt und anschließend in vielen Spielen wie Mario Kart oder Super Smash Bros. nutzen kann.
Während diese Miis in anderen Nintendo-Spielen meist nur optionales Beiwerk sind, übernehmen sie in Tomodachi Life die Hauptrolle. Und genau hier verändert sich auch, wie wir Spielerinnen und Spieler auf Miis blicken. Wir erstellen nicht nur unser Abbild, um mit ihm in Mario Kart 8 Deluxe gegen Mario zu fahren. Dieses Abbild führt ein Eigenleben – ein Eigenleben, das sich sogar bewusst ist, dass seine „menschliche Version“ irgendwo dort draußen existiert.
Nach dem Erstellen können wir zudem festlegen, wie unsere Beziehung zu einem anderen Mii im echten Leben ist. Das bedeutet aber noch lange nicht, dass sich die Miis meiner Eltern im Spiel automatisch ineinander verlieben. Tomodachi Life: Wo Träume wahr werden ist im Kern ein God-Game, in dem ihr die Insel eurer Miis beobachtet und euch um die Bedürfnisse der Bewohner kümmert, während sie einen Haufen völlig abstruser Situationen erleben.
Der neue Mii-Creator hat dabei ein spürbares Upgrade bekommen. Ihr könnt jetzt unter anderem bei Augen und Mund viel mehr Details anpassen. Und wenn euch ein bestimmtes Detail fehlt, zeichnet ihr es einfach als „Make-up“ auf das Gesicht des Miis. So könnt ihr ein wenig schummeln und Bärte, Haarsträhnen oder andere Alleinstellungsmerkmale eines Charakters darstellen. Natürlich könnt ihr eure Miis auch nachträglich jederzeit anpassen und Feinheiten editieren.
Kreative neue Insel
Das größte und wichtigste neue Feature von Tomodachi Life: Wo Träume wahr werden ist die frei gestaltbare Insel. Während die Insel im 3DS-Vorgänger noch fest vorgegeben war und alle besuchbaren Orte nur statische Kulissen darstellten, lässt sich die Insel auf der Nintendo Switch ähnlich wie in Animal Crossing: New Horizons frei gestalten. Ihr entscheidet über Form und Inhalt eures Insel-Layouts. Im Verlauf des Spiels lassen sich sogar Inselvergrößerungen freischalten, und mit der Werkstatt erstellt ihr in einem integrierten Bildbearbeitungstool eigene Bodentexturen.
Doch bei der Inselgestaltung hört die Kreativität noch lange nicht auf. Das Spiel bietet von Haus aus bereits etwa 250 Schätze, 500 Gerichte, 300 Inneneinrichtungen, 400 Dekorationen und rund 8.500 Kleidungsstücke. Reicht euch das noch nicht, könnt ihr in der Werkstatt selbst Hand anlegen. Von Essen und Kleidung über Haus-Designs bis hin zu Haustieren für eure Miis könnt ihr fast alles selbst entwerfen. Eurer Kreativität sind hier nahezu keine Grenzen gesetzt.
Das Einzige, was der Inselgestaltung fehlt, ist echte Vertikalität. Anders als in Animal Crossing könnt ihr keine Anhöhen erschaffen und Gebäude auf Hügeln platzieren. Die einzige weitere Ebene ist der Strand, der sich über eine Treppe mit dem Festland verbinden lässt. Der Rest eurer Insel besteht aus Flachland – was seltsam wirkt, wenn man bedenkt, dass Nintendo mit Animal Crossing die Ebenen bereits etabliert hat und auch die Insel von Tomodachi Life auf dem 3DS sehr bergig wirkte.
Wenn ihr an der Inselgestaltung nicht interessiert seid, kommen eure Miis euch irgendwann von selbst entgegen und schlagen eigene Gestaltungsideen vor. Miis und Eigenkreationen können außerdem über eine lokale Verbindung von der Switch eurer Freunde empfangen werden. Tomodachi Life zwingt euch also nicht, jedes Detail eurer Insel in ein komplexes Sandbox-Projekt zu verwandeln.
Insgesamt ist die neue Insel eine spürbare Evolution und genau das Upgrade, das die Reihe gebraucht hat. Es macht Spaß, den Miis bei ihrem Alltag auf der selbst erstellten Insel zuzusehen – zu beobachten, wie sie neue Freundschaften knüpfen, in eine Wohngemeinschaft ziehen oder sogar heiraten. Es fühlt sich an, als hättet ihr sie bei euch zu Hause in einem Terrarium stehen, in dem sie ein weitgehend sorgenfreies Leben führen können.
Der Nintendo-Haken
Nintendo hat hier eigentlich eine Steilvorlage für einen perfekten Nachfolger geschaffen. Doch es wäre nicht Nintendo, wenn man sich kurz vor der Perfektion nicht doch noch selbst ein Bein stellen würde. Zumindest bei mir – und wahrscheinlich auch bei vielen anderen Fans – dämpfen einige Entscheidungen die Freude an diesem ansonsten sehr charmanten Spiel spürbar.
So gibt es zum Beispiel keine unterhaltsamen Minispiele mehr wie im Vorgänger auf dem Nintendo 3DS. Kein Liebestester, keine Abstimmungen, keine singenden Miis mit selbst geschriebenen Songtexten – und auch nichts wirklich Vergleichbares. Stattdessen fokussiert sich Tomodachi Life: Wo Träume wahr werden fast ausschließlich auf die Interaktion mit der Spielwelt und auf neue Features wie Gruppenkonversationen und zufällige Ereignisse.
Bei all dem Inhalt, den das Spiel auf dem Papier bietet, hatte ich mich nach wenigen Stunden an vielen Standard-Situationen bereits satt gesehen. Gespräche laufen oft nach dem gleichen Muster ab, und selbst Träume und Zufallsereignisse beginnen sich schnell zu wiederholen. Den Miis zuzuschauen verliert zwar nicht komplett seinen Charme, und mit einem Limit von 70 Einwohnern kann man immer noch seinen Spaß mit den verrückten Ereignissen auf der Insel haben – aber wirklich neue Szenen werden schnell selten.
Das Wichtigste an einem Kreativbaukasten wie Tomodachi Life ist jedoch, die eigenen einzigartigen Erfahrungen mit anderen zu teilen. Vielleicht habt ihr drei Stunden an der Erstellung eines ganz besonderen Miis gearbeitet. Oder es ist etwas völlig Abgefahrenes zwischen eurem Mii und dem eines Freundes passiert. Genau für solche Momente besitzt die Nintendo Switch seit 2017 einen eigenen Button auf dem Controller: Haltet ihr ihn gedrückt, könnt ihr die letzten 30 Sekunden eures Spiels als Clip speichern. Seit Kurzem kann die Switch eure Bilder und Videos sogar automatisch an die Nintendo-Switch-Online-App auf euer Smartphone schicken.
Tomodachi Life: Wo Träume wahr werden ist eigentlich wie gemacht für diese Capture-Funktion. Das gesamte Spiel schreit danach, als Quelle für kurze Clips und Screenshots genutzt zu werden. Und doch schiebt Nintendo ausgerechnet hier einen Riegel vor. Miis können – anders als im Vorgänger – nicht mehr per QR-Code mit der Welt geteilt werden, und auch Videoaufzeichnungen sind für das direkte Senden an die Smartphone-App gesperrt. Grund dafür ist wahrscheinlich eine Kombination aus Jugendschutzüberlegungen und Spoilervermeidung. Trotzdem ist diese Entscheidung aus Spielersicht das Schlimmste, was diesem Titel passieren konnte.
Zumal sich die Verbreitung dieser Inhalte ohnehin nicht wirklich verhindern lässt. Miis werden weiterhin im Internet geteilt – nur eben nicht mehr als QR-Code, sondern über Bauanleitungen, in denen Spieler Schritt für Schritt erklären, wie man einen bestimmten Mii nachbaut. Das Entfernen der QR-Code-Funktion ist im Vergleich zum 3DS-Vorgänger ein riesiger Rückschritt und macht das Teilen für alle Beteiligten unnötig mühsam. Und Gameplay-Clips lassen sich immer noch über externe Aufnahmegeräte oder direkt von der SD-Karte exportieren und hochladen. Auch hier wirkt die Einschränkung schlicht kurzsichtig.
Der dritte große Haken ist das Fehlen von Funktionen, die speziell auf die Nintendo Switch 2 zugeschnitten gewesen wären. Praktisch das gesamte Spiel ließe sich hervorragend mit einer Maus steuern, und auch das Erstellen von Miis über eine Kamera – wie damals beim 3DS – hätte mit einer optionalen Switch-2-Kamera seinen Platz im Spiel finden können. Ich finde es zwar positiv, dass Tomodachi Life: Wo Träume wahr werden auch auf der ursprünglichen Nintendo Switch erscheint, aber ein Jahr nach Release der Switch 2 hätte der Fokus klar auf der neuen Hardware liegen müssen. Das Spiel hätte perfekt zu den zusätzlichen Funktionen der Switch 2 gepasst – es fühlt sich wie verschenktes Potenzial an.
Ja, viele dieser Kritikpunkte ließen sich theoretisch in Zukunft per Update nachbessern oder ergänzen. Trotzdem wirft all das zum Release ein schlechtes Licht auf einen Nachfolger, auf den Fans mehr als zehn Jahre gewartet haben. Es ist schmerzhaft mit anzusehen, wie genau diese vermeidbaren Kleinigkeiten dem Image des Spiels im Moment im Weg stehen.
Kratzig und doch angenehm
Die Stimmen eurer Miis klingen – genau wie im Vorgänger – sehr roboterartig, so wie KI-Stimmen vor rund zehn Jahren eben klangen. Persönlich hätte ich mir gewünscht, dass Nintendo die Sprachsynthese der Miis dank des technischen Fortschritts der letzten Jahre noch einmal überarbeitet. Ich kenne einige Leute, die diese Stimmen als extrem störend empfinden. Nintendo scheint das altbackene Sprachmodell allerdings als essenziellen Bestandteil der Miis und als klaren Wiedererkennungswert zu betrachten und verzichtet daher auf eine Modernisierung. Wer sich daran stört, kann die Stimmen immerhin in den Optionen komplett stummschalten.
Dafür punktet Tomodachi Life: Wo Träume wahr werden mit einer passenden musikalischen Untermalung und Soundeffekten, die sich hervorragend an Tageszeit und Stimmung anpassen. Gelegentlich könnt ihr eure Miis sogar beim Singen oder Summen erwischen. Allerdings – wie bereits erwähnt – mit fest vorgegebenen Texten statt frei editierbaren Lyrics wie im 3DS-Teil.
Fazit
Tomodachi Life: Wo Träume wahr werden ist ein hervorragendes Spiel, um Kreativität zu fördern oder eine entspannte Routine im Alltag zu etablieren. Ob nach einem anstrengenden Tag in der Schule oder im Büro: sich auf die Couch zu legen und mit den kleinen Wesen bei ihrem entspannten Inselleben zu interagieren, kann das Stresslevel spürbar senken.
Gleichzeitig nehmen überraschende neue Momente auf eurer Insel relativ schnell ab. Ihr werdet früher oder später den Punkt erreichen, an dem ihr Dialoge und Sequenzen wiederholt seht, nur mit anderen Miis in den Rollen.
Eure erstellten Inhalte und gespeicherten Clips lassen sich zudem dank Nintendos Einschränkungen nur erschwert mit anderen teilen – auch das kann dem Spielspaß einen spürbaren Dämpfer verpassen.
Im aktuellen Zustand ist Tomodachi Life: Wo Träume wahr werden daher nicht für jede Zielgruppe gleichermaßen zu empfehlen. Wer unsicher ist, ob er über die genannten Schwächen hinwegsehen kann, sollte zunächst die kostenlose Demo-Version im Nintendo eShop ausprobieren. Oder ihr wartet ab, ob Nintendo mit Updates nachbessert.
Kurzfazit
Mit Tomodachi Life: Wo Träume wahr werden sind noch lange nicht alle Träume wahr geworden. Ein paar gezielte Änderungen in zukünftigen Updates könnten den Titel zu einem der besten Kreativ-Baukästen auf Nintendo Switch und Nintendo Switch 2 machen. Bis dahin bleibt der Nachfolger eine nette Fortsetzung mit viel verschenktem Potenzial, die nicht jeden Spieler und jede Spielerin vollständig überzeugen wird.
Bilder: ©Nintendo


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