Review: Kabukicho Sherlock – Volume 1 [Blu-ray]

Im Entertainment- und Rotlichtviertel Kabukichō im östlichen Shinjuku geht der Mörder Jack the Ripper um. Wie gut, dass sich Sherlock Holmes in Kabukichō Sherlock des Falles annimmt! Das erste Volume mit Episoden 1 bis 6 dieser äußerst schrägen Sherlock-Holmes-Adaption ist seit dem 26. November 2020 bei KSM Anime auf DVD und Blu-Ray erhältlich. Ob es Sherlock gelingt, Jack the Ripper das Handwerk zu legen? Lisa Murauer

ACHTUNG: Jegliche Aussagen in diesem Review reflektieren lediglich die persönliche Meinung des Autors und nicht (!) die von PattoTV und seiner Partner.


Die dunkle Seite von Kabukichō

Im Osten von Shinjuku liegt das berüchtigte Viertel Kabukichō, eine grelle wie verrückte Welt, in welcher das Chaos regiert und das Verbrechen hinter jeder Ecke lauert. Doch wo Schatten, da ist auch Licht und Shinjukus beste Detektive haben der Kriminalität in Kabukichō den Kampf angesagt. Der berühmteste unter diesen Ermittlern ist zweifellos Sherlock Holmes. Seinetwegen zieht es auch den Arzt John Watson aus der westlichen Seite in den Osten. Er möchte Sherlock nämlich um dessen Hilfe in einem persönlichen Fall bitten.

Doch Sherlock entpuppt sich als Sonderling, der keine Zeit für Johns Anliegen hat. Stattdessen soll Sherlock bei der Aufklärung eines Mordes an einer Prostituierten mitarbeiten, denn das Opfer könnte von dem Serienkiller Jack the Ripper getötet worden sein, der Kabukichō in Atem hält. Die Geschehnisse überschlagen sich und John wird selbst in den Fall hineingezogen. Um Sherlock dennoch zu überzeugen, ihm zu helfen, begleitet John ihn fortan. Dabei stolpert das ungleiche Duo von einem skurrilen Verbrechen zum nächsten und lernt dadurch die sonderbarsten Gestalten Kabukichōs kennen.

Mit Rakugo schnell zum wahren Täter

Die ersten sechs Episoden adaptieren bekannte Sherlock-Holmes-Geschichten wie beispielsweise Eine Studie in Scharlachrot oder Der Bund der Rothaarigen. Sie werden allerdings nicht nur an das moderne Setting, sondern auch an die japanische Kultur angepasst. Neben den Fällen der einzelnen Folgen, bildet die Mordserie von Jack the Ripper den roten Faden, der sich durch die Serie zieht, derweil aber noch eher angedeutet bleibt. Eine Besonderheit ist Sherlocks Rakugo-Einlage, welche in der Serie die typische Erklärung des Verbrechens ersetzt.

Bei Rakugo handelt es sich um eine japanische Unterhaltungsform, die aus komischen Monologen besteht, die von einer Person in verteilten Rollen vorgetragen werden. Bei der Aufklärung der Fälle gilt es aber, schnell zu sein. Denn die Detektive der Untergrundbar Pipe Cat liefern sich einen regelrechten Wettstreit, bei dem der gewinnt, der als Erstes den Täter fasst. Gerade auf eine von diesen Konkurrenten hat John ein Auge geworfen, nämlich auf die hübsche Mary Morstan. Und dann gibt es noch den rätselhaften Jungen James, mit welchem sich Sherlock trotz ihrer scheinbaren Gegensätze blendend zu verstehen scheint.

Bild und Animation

Kabukichō Sherlock ist ein Original-Anime, der unter der Regie von Ai Yoshimura von Production I.G. (u.a. Ghost in the Shell, Eden of the East) produziert wurde. Die japanische Erstausstrahlung der insgesamt 24 Episoden erfolgte von Oktober 2019 bis März 2020. Für die deutsche Version sicherte sich KSM Anime die Lizenz und begann am 26. November 2020 mit der Veröffentlichung der ersten von insgesamt vier Volumes.

Auffallend an der Animation ist insbesondere die Gestaltung des Settings. Kabukichō besticht dank seiner Lebendigkeit und hat mich sofort in seinen Bann ziehen können. Die Verwendung von knalligen Farben lässt die Stadt erstrahlen; hier wird die Nacht zum Tag. Der Fokus des Animes liegt zwar klar auf der Verbrechensaufklärung und nicht auf der Verbrecherjagd, doch die Animation ist auch in Bewegung flüssig. Das Charakterdesign von Toshiyuki Yahagi findet die Balance zwischen Annäherung an die bekannten Figuren aus Sherlock Holmes und origineller Adaptierung. Sherlock ist klar als Sherlock zu erkennen und doch ein eigenständiger Charakter, der ganz und gar anders als bisherige Sherlocks ist. Genauso ist es bei den anderen Figuren, wobei diese oftmals noch freier gestaltet sind. So zum Beispiel Mrs. Hudson, die in dieser Anime-Serie als Drag Queen auftritt.

Deutsche Umsetzung und Musik

Für die deutsche Synchronisation ist die Firma DMT – Digital Media Technologie GmbH aus Hamburg beauftragt worden. Das Dialogbuch stammt von Timo R. Schouren und Regie führte Yannik Raiss.

Martin Sabel als Sherlock stellt dessen Exzentrizität treffend dar und überzeugt in den Rakugo-Einlagen mit der Verwendung unterschiedlicher Stimmen. Egal ob überzeichnet oder nicht, Ole Jacobsen hat sichtlich seinen Spaß an der Rolle der Mrs. Hudson und das ist spürbar. Generell ist der Sprechercast passend zu den jeweiligen Rollen ausgewählt worden. Neben der deutschen Tonspur ist zusätzlich der japanische Originalton mit deutschen Untertiteln auf der Disc enthalten.

Die japanische Originalfassung strotzt nur so vor Wortspielen und Haikus, deren Übersetzung natürlich schwierig ist und teilweise etwas holprig klingt. Jedoch wurden bei der Umsetzung Eigenheiten der japanischen Fassung berücksichtigt, beispielsweise finden sich in einer Folge stellenweise „Denglische Sätze“ wieder.

Das Opening CAPTURE von EGO-WRAPPIN’ passt wie die Faust aufs Auge. Eine jazzige Nummer ist im Anime eher eine Seltenheit und die Animation ergänzt die Musik ideal. Das Ending Hyakuoku Kounen von Lozareena geht in Musik wie Animation einen anderen Weg: Es ist ruhig, klassischer, deutlich simpler und etwas melancholisch. Die Musik von Takurō Iga ist schön mit den Geschehnissen abgestimmt, so wird etwa Sherlocks Rakugo immer bereits kurz im Vorhinein durch den Sound angedeutet.

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Fazit

Das Holmes-Universum nach Kabukichō zu verlagern und an die japanische Kultur anzupassen gelingt bislang und kann mich überzeugen. Über Humor lässt sich bekanntlich streiten und dieser hier ist doch recht eigen, teilweise geschmacklos und überhaupt nicht politisch korrekt. Davon abgesehen wiederholen sich nicht nur die Witze, sondern sogar die Episoden selbst. Diese verlaufen derweil nach demselben Schema ab – bis hin zu Sherlocks Aufklärung des Verbrechens, die er mithilfe seiner Rakugo-Vorführung darstellt. Das Rakugo ist aus meiner Sicht wiederum ein sehr netter Einfall, da sie der typischen Verbrechensaufklärung einen eigenen Touch gibt. Dass Sherlock nicht der einzige Detektiv ist und ein Wettkampf zwischen ihm und den anderen besteht, ist ebenfalls eine spannende Idee.

Darüber hinaus ist die deutsche Umsetzung gelungen: Alle Sprecher sind passend gewählt und leisten gute Arbeit, ihr Spaß an den Rollen ist ebenfalls zu erkennen. Die Musik, hier vor allem das Opening, ist originell und ideal für diese Serie. Die Animation ist ebenfalls solide. Insbesondere die Lebendigkeit des grellen Nachtlebens Kabukichōs wird hervorragend veranschaulicht. Die Figuren unterscheiden sich dank ihres Designs klar voneinander und passen dennoch alle in die bunte wie zwielichtige Welt, selbst wenn manche Charaktere weniger einprägsam gestaltet sind als andere.

Schade ist, dass die Episoden relativ kurzgehalten werden. Kaum sind die Fälle vorgestellt worden, sind sie bereits aufgeklärt. Doch trotz ihrer Kürze sind die Parallelen zu den Sherlock-Holmes-Geschichten erkennbar. Generell stehen in dieser Serie aber weniger die Fälle als vielmehr die Figuren im Vordergrund. Nicht nur Sherlock und John, sondern auch die anderen Detektive bekommen eine Folge spendiert, in welcher sie im Rampenlicht stehen. Dennoch bleiben die Charaktere teilweise noch eher blass, insbesondere die Darstellung der LGBT+ Figuren entspricht leider allseits bekannten Stereotypen. Die Serie nimmt sich zwar generell nicht sonderlich ernst, doch ist es aus meiner Sicht trotzdem wichtig, mit eben solchen Stereotypen zu brechen und den Charakteren mehr Tiefe zu verleihen.

Kurzfazit

In Kabukichō Sherlock geht der bekannte Meisterdetektiv im bunten wie gefährlichen Viertel von Shinjuku auf die Jagd nach Jack the Ripper. Mit von der Partie ist ein bunter wie schräger Haufen von (Sherlock Holmes-) Figuren, doch die Fälle selbst kommen dabei bisher leider etwas zu kurz.

Bilder: ©Kabukicho Sherlock Partners. / 2019 Koch Films GmbH. Alle Rechte vorbehalten.

Pro

  • interessantes Setting
  • schöne Animationen
  • originelle Sherlock-Holmes-Adaption
  • interessante japanische Einflüsse (Rakugo!)

Contra

  • Fälle kommen zu kurz
  • Witze werden oft wiederholt
  • teilweise überzeichnete Darstellung der (LGBT+) Figuren
6.5
10
Story:
Bild und Animation:
Deutsche Umsetzung:
Musik: